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Dunkelgelb



Es wird Zeit, dass ich euch ein düsteres Geheimnis meiner Frau verrate. Aber tatsächlich hat sie noch gar nicht so lange ihren Führerschein. Gut, den hat sie auch nicht gebraucht, denn als echte Städterin konnte sie bequem mit Bus und Bahn alles und jeden erreichen. Doch als sie ihren Traummann (also mich) kennen lernte, war der Spaß vorbei und sie musste aufs Land ziehen. Nächster Lidl, rechts 10 km, nächster Aldi links 10 km. Bus und Bahn? Der war gut!


Es war also an der Zeit für meine Hübsche, sich den Freuden des Autofahrens zu widmen und die Fahrschulbank zu drücken. Wie praktisch, dass ihr Fahrlehrer ausgerechnet mein ehemaliger Chef war, und meine Holde daher einer ganz besonders hartnäckigen Ausbildung unterwarf. Anders ausgedrückt – er hat sie fahrtechnisch ordentlich ran genommen. Aber gut, von nichts kommt auch nichts.


Meine Liebste kämpfte sich also tapfer durch jede einzelne Pflichtstunde und dann war es passiert, der Führerschein war bestanden. Anstelle es langsam angehen zu lassen, entschied sich meine damals noch nicht Ehefrau, sofort am nächsten Tag eine rund stündige Fahrt in das nicht ganz so nahe gelegene Wolfsburg zu unternehmen. Dem ein oder anderen stellt sich nun die berechtigte Frage, was zum Teufel man eigentlich in Wolfsburg will. In unserem Fall aber einfach zu erklären. Denn wir hatten uns Monate vorher einen süßen kleinen Polo konfiguriert, den wir nun im Werk abholen sollten. Hoch motiviert ließ es sich meine bessere Hälfte daher nicht nehmen, in einem ihr völlig fremden Mietauto am Tag nach der Fahrprüfung Kilometer um Kilometer zu schrubben, um uns zielsicher und entspannt ans Ziel zu bringen. Ich muss zugeben, diese gewisse Lässigkeit meiner tollkühnen Fahranfängerin hat mir imponiert.


Da stand er also, unser weißer, schnuckeliger Polo, den wir bis heute Paul nennen. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch erwähnen, dass eben jener Paul nicht unbedingt die Sorte Polo ist, mit der die langweilige Hausfrau zum Supermarkt um die Ecke fährt, sondern ein vollausgestatteter GTI mit müden 192 PS. Und ja, damit zieht man locker jede Wurst vom Teller.


Meine innigste Berührung mit diesem Fahrzeug war das einführen des Tankstutzen, um ihn für die Heimfahrt nach Bayern zu befüllen. Ansonsten dürft ihr raten, wer wohl in diesem Fall auch die Heimfahrt mit Bravour bestritten hat. Im Grunde war bereits auf dieser kurzweiligen Strecke relativ schnell klar, dass meine Frau das Lenkrad dieses Wagens auch zukünftig nur noch ungern an mich abgeben würde. Nun will ich mich nicht beschweren. Denn zum damaligen Zeitpunkt war unser zweiter Wagen immerhin ein Mercedes Benz mit ebenfalls Dampf unter der Haube. Es war völlig klar geregelt. Meine Frau fuhr genau das Auto, dass sie gerade wollte, und was auch immer übrig blieb, durfte ich für den Arbeitsweg hernehmen. Eine Praxis die bis heute bestand hat, und im Rahmen einer Ehe vollkommen fair anzusehen ist.


Da sauste sie also nun jeden Tag durch das Bayerische Voralpenland und begann die Straßen mit ihrer kleinen Rennsemmel unsicher zu machen. Ich stelle fest, dass meine Frau dem typischen und immer wieder gerne aufgegriffenen Klischee so ganz und gar nicht entspricht. Innerhalb kürzester Zeit wurde aus ihr eine ausgesprochen sichere Autofahrerin mit einem gewissen Hang zum Rennfahrertum. Garniert mit Fluchworten für die Umwelt wurde jedes Tempolimit ordentlich ausgereizt. Nun muss man wissen, dass Geschwindigkeitskontrollen im Land der Bayern eher selten sind und viele Autobahnen mit recht üppiger Geschwindigkeit befahren werden dürfen.


Dieser Luxus änderte sich schlagartig als wir nach NRW zogen, dem Land der Blitzer und Radarkontrollen. Schon bei der ersten Hausbesichtigung wurde meine Frau zweimal hintereinander geblitzt. Und dann im Verlaufe des weiteren Jahres noch 3-mal. Das kratzte ein wenig am Ego und war in Teilen auch den sehr unvorteilhaften Fotographien geschuldet, die einem per Post zugestellt wurden. Jedoch sei angemerkt, dass es sich hierbei regelmäßig um Bußgelder ohne Punkte handelte, denn Gott lob, war der Fahrlehrer meiner Frau clever genug, ihr neben Gas, Kupplung und Bremse auch zu erklären, welche Spielräume sie beim Spaß haben wohl hat. Selbstredend habe ich als guter Ehemann jedes Ticket ordnungsgemäß bezahlt, zur Strafe musste das Topmodelfoto dann aber auch am Kühlschrank hängen.


Gottseidank geht es hier nicht um Sex, denn sonst würde sich der folgende Satz vermutlich seltsam anhören „aber meine Frau fährt wirklich alles, was ihr in die Quere kommt“. Egal welches Mietauto wir über die Jahre schon hatten, sie fährt es. Vermutlich könnte ich ihr einen Panzer vor die Tür stellen, mit dem sie dann ohne weitere Einweisung zum einkaufen fahren könnte, inklusive Rückwärts fahren.


Entfernungen spielen für meine Frau eher eine untergeordnete Rolle, bei ihr ist der Weg das Ziel. Ich setze sie in ein Auto, sage ihr, fahre tausend Kilometer in diese Richtung, und sie fährt los. Aktuell haben wir uns einen Scooter gegönnt. Mit 8,5 PS, schönes Ding, macht richtig Spaß, glaube ich jedenfalls, denn abgesehen von der Überführungsfahrt hatte ich den heißen Hobel nicht mehr in den Fingern. Aber gut aussehen in der Garage tut er. Ich fahre derweil meine 18 Jahre alte Mühle, bei der ich aktuell immer erst die Scheibe herunterlassen muss, um dann die Fahrertür von außen zu öffnen. Meine Frau sieht mich dann immer ganz Mitleidig an, während sie noch überlegt, ob sie das Hochleistungsgeschoss oder lieber das Spaßzweirad nimmt, um ihre beste Freundin auf einen Kaffee zu besuchen. It's a hard life. Bald geht die NASCAR Saison bei uns weiter und ich überlege ernsthaft, meine Angetraute für einen Rennstall zu bewerben. Die Frau muss auf die Piste. Talent hat sie nämlich.


Kurz vor unserem Umzug in die Vereinigten Staaten malte ich mir bereits die dunkelsten Bilder aus, wie ich meine Frau gegen Kaution aus dem Gefängnis holen muss, weil sie so schnell über die Landstraße gefahren ist. Denn die Straßen hier sind quasi wie gemacht fürs schnelle fahren, breit und gerade. Und was ist? Nix ist. Lediglich dunkelgelbe Ampeln wurden Opfer des kleinen weißen Polos aber ansonsten muss ich feststellen, dass man es mit den Tempolimits in Arizona nicht ganz so genau nimmt, und die Polizei offensichtlich wichtigeres zu tun hat, als eine Frau aufzuhalten, die mit einem kleinen Flitzer und laut Disney Songs grölend durch die Prärie düst, anzuhalten. Tja, Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und ja, sie kann wirklich gut Autofahren, auch wenn ich wünschte, es wäre Sarkasmus.


In diesem Sinne, fahrt vorsichtig und lasst euch nicht blitzen!

Euer Bob

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