
Nun ist sie also weg. Nein, nicht weg aus meinem Leben. Aber eben weg. Auch wenn es nur ein paar Tage sind. Es ist ein seltsames Gefühl. Ich freue mich für sie, denn sie hat es sich verdient. Ich bin mir aber auch bewusst, sie wird diese Tage nutzen, sich viele Gedanken zu machen. Über sich, uns, das Leben. Wer wir sind, wer wir vielleicht einmal waren. Wer wir wieder sein wollen und ob wir das überhaupt können...
Ich fahre wie immer in die Arbeit, muss ich ja. Job ist nun mal Job. Dagegen kann ich nichts tun. Auch nicht gegen die seltsamen Gefühle, die mich beschleichen. Ich fühle mich traurig. Ich weiß, wenn ich später nach hause komme, ist sie nicht da. Sie ist viele Meilen entfernt. Es hat keine Minute gedauert um diese Erkenntnis zu gewinnen. Die Arbeit lenkt mich etwas ab, ich muss funktionieren. Auch wenn meine Gedanken um meine Liebste kreisen. Wie es ihr wohl geht? Wo sie gerade schon ist? Welches Lied sie gerade hört?
Lieder... Mein Gott, was haben für früher Musik gehört. Abende lang. Haben den Soundtrack unseres Lebens gestaltet. Zusammen gesessen oder auf dem Bett gelegen, die Augen geschlossen und Melodien und Texte tief in die Seele gelassen. Aber man hat es schleifen lassen und ich frage mich, warum?
Ich fahre nach hause, öffne die Türe. Das Haus wirkt wie verlassen, obwohl sie nur wenige Stunden weg ist. Die Seele fehlt, das Herz. Ich versuche mich etwas zu entspannen, nur gelingen will es nicht. Ich fühle mich schwer. Viel zu oft komme ich nach hause, eine kurze Umarmung, ein flüchtiger Kuss - eher ein Küsschen. Das muss oft reichen. Aber in diesem Moment wünsche ich mir nichts mehr als meine Frau, um es anders zu machen.
Oder Gespräche. Echte, tiefe und offene Gespräche... Bin ich nicht mehr an meiner Frau interessiert? Oder nur zu bequem geworden? Letzten Freitag haben wir die wunderbare Bar eingeweiht, die sie mir handfertigen hat lassen. Ein unglaubliches Geschenk, voller Aufmerksamkeit und mit Bedacht. Sie kennt mich so gut, weiß genau, über was ich mich freue. Da saßen wir nun, bei Tequila und Bier. Mein Gott, war der grauenhaft. Aber wir haben uns seit langer Zeit so richtig soll unterhalten, Musik gehört, gelacht und uns intensiv wie lange nicht mehr Zeit genommen. Ich brauche nicht viel im Leben, aber ich brauche sie. Das weiß ich, jetzt noch mehr als vorher.
Das war mir gar nicht bewusst. Aber nun habe ich Zeit. Zeit sie zu vermissen und nachzudenken. Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Was ich verloren habe und was ich unbedingt wieder haben muss. Wie sehr mich jeder Blick von ihr berührt, wie sehr ich ihren Duft liebe und diese Haare. Wie sehr mich ihr Lächeln verzaubern kann, wie interessiert sie schon immer an mir und meinem Leben war. Und wie wenig ich ihr eigentlich zurück gebe für all das, was sie schon immer für mich getan hat. Tag für Tag, Stunde um Stunde.
Die Amerikaner nennen das, was sie gerade macht "Mommy Holiday". Zeit, wo eine Frau einfach mal für einen Moment ihr normales Leben zurück lässt. Ohne Sorgen, Pflichten, Alltag. Wir haben ausgemacht, wenig zu kommunizieren. Was macht es für einen Sinn, eine Auszeit zu nehmen und dann doch ständig Kontakt zu haben? Sie schickt mir Fotos, ein paar. Von sich, von ihrem Spaziergang. Eindrücke, zumindest ein paar, die sie schon gesammelt hat.
Ich bin stolz auf sie. Sie kann alles alleine schaffen. Und gleichzeitig macht mir das auch Angst. Angst, sie könnte mich einmal nicht mehr brauchen. Ich denke, das ist wohl normal. Mit jeder Stunde, jeder Nacht ohne Sie vermisse ich sie mehr. Ich stehe unter der Dusche und erinnere mich, wie wir früher jeden Abend zusammen im Bad waren. Der Eine in der Wanne, der Andere unter der Dusche. Mit Musik und Gesprächen. Solche Momente gibt es fast gar nicht mehr. Warum habe ich das schleifen lassen? Diese wundervollen, unschätzbar wertvollen Momente einfach aufzugeben?
Ich sitze in dem Haus, diesem tollen Haus mit Pool. Aber allein. Und ich fange an zu ahnen, wie es Tag für Tag für sie ist. Und ich denke mir plötzlich, dass ich nicht mit ihr tauschen will. Wie gut es mir geht, dass ich in die Arbeit gehen darf und wie sehr es sie schmerzen muss, das nicht zu können. Und dann nicht mal einen Mann zu haben, der nach hause kommt und nach ihrem Tag fragt. Muss ich das nicht? Weil der Tag ohnehin nur langweilig gewesen sein kann? Ich würde sie jetzt gerne nach ihrem Tag fragen, aber ich gebe ihr den Raum und die Zeit. Sie soll ganz bei sich sein, nicht bei mir.
Ich sitze draußen, das Wetter ist endlich wieder besser, die Temperaturen angenehm. Jetzt wäre ein Spaziergang am See toll. Haben wir noch nie wirklich gemacht, nicht in über einem Jahr. Warum eigentlich nicht? Hand in Hand den Augenblick genießen, der Sonne beim langsamen verschwinden zuschauen. Sehen und verstehen, wie gut es einem geht. Eine harte Erkenntnis, denn letztlich habe ich mein Leben, meinen Alltag selbst in der Hand.
Ob wir einen Spaziergang machen, ich mich mit meiner Frau unterhalte oder wir gemeinsam Musik hören - es ist an mir, was ich daraus mache. Meine Frau kann nur so gut sein, wie ich es bin. Nie war mir das klarer als jetzt. Und nie war ich dankbarer für diesen Menschen in meinem Leben.
Es dauert noch, bis sie wieder da ist. Noch mehr Zeit für noch viel mehr Gedanken, Gefühle und Erkenntnisse...
Euer Bob
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